Lyrik

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milliarden ereignisse
während ich schlafe

die erde schläft nicht
ruht nicht
dreht sich weiter
unentwegt

wenn ich erwache
kreist neues um altes
es zusammenzufügen
ist meine aufgabe
für den neuen tag
 ///  wenn worte fehlen
finden blicke
zueinander

augen schliessen
heisst nicht
vergessen

hände suchen
im dunkel

ich erkenne dich
an deiner
zärtlichkeit
 ///  zugefroren

eisig trennt
uns eine dicke schicht
der erste schnee
bedeckt
kalte füsse
die dir noch
nahe sind

nackt
will ich erfrieren

als die sonne
stark wird taut
der schnee
das eis

sinke
zu dir hinab

um zu ertrinken
 ///  an wen

ich bete
also
glaube ich
ich glaube
also
hoffe ich
ich hoffe
also
warte ich
ich warte
also
lebe ich
ich lebe
also
liebst du mich
 ///  frei
vertrocknete blumen
flammen
auf staubiger haut
der brunnen ist leer
meine tränen zogen
das salz

deine hände
waschen sich rein

fleissig ernten wir früchte
nicht schauend auf blätter
die das grün
der hoffnung zeigen
die früchte verzehrt
in zeiten der gier

er blüht nicht mehr

gefällt durch zürnende götter
verschwandt der baum
im nichts
 ///  geh
sagt mein ich
damenhafte gedanken
verliere ich im galopp
ich will
doch die füsse sind wund
bleib stehen
standhaft
mannbar
inmitten der wahlveranstaltung
zwischen leben und tod
 ///  sie tanzen
auf der spitze der flamme
in brennenden strassen
einer entladenen welt
keiner lenkt mehr den verkehr

weisse haut riecht nach patchuli
schwarze herzen sind verbrannt
träge engel nur
schlagen müde mit den flügeln
vertreiben den rauch

überholen zwecklos
zusammenstoss vorprogrammiert

verlasse diese strassen
lebe in dir
 ///  nach dem regen

runde feiste
vollmondgesichter
spiegeln sich
in riesigen pfützen

ich trete hinein
lass sie erzittern

springe dann
darüber hinweg
 ///  tropfen fuer tropfen
geht unter
mein blut
vermischt
mit spuren
von seelen
im ozean der zeit

rinnt wie sand
durch die uhr
ohne ende

wenn sie gedreht
wird durch dich

als es
tag wurde baten sie
den mond

gib uns dein silber

als sie es hatten
blieb ihnen nur noch
das schwarz
in der nacht
 ///  ein blumengebinde
das dritte
was sie trägt

in den augen
glänzende traenen
die stimme bricht
im takt

noch wiegt sie sich
im hochzeitstanz
jede blume scheint ein ton
sie öffnet
die schenkel

gehen
kann sie erst
wenn diese wieder
geschlossen sind
 ///  eingeschlossen
im kubus

sitze ich
und warte
so lange schon

als alle seiten
sich öffnen
sehe ich
die freiheit

ich fliehe nicht
sitze und warte
bis ich
vergehe
 ///  es sagte mir
im traum
der weise mann

stehe auf
nimm dein bett
und gehe heim

da nahm ich die zügel
gab dem pferd
die sporen

und fand die
glückseeligkeit
 //  gespannt greift er
nach dem bogen
gespannt gleitet er
über sie hinweg
die melodie kennt sie gut
oft ward sie
erzeugt und
verklang

die seiten
sind vielfach zersprungen
doch immer
aufs neue gespannt

sie klingt ewig
diese alte melodie

anders geboren
zu boden liegend

fliegt darüber
was anders ist
lässt neues
entstehen
bis die
gleichheit
die zeit aufhebt
 ///  flammendes licht
findet mich
schwerelos schweb ich
vorbei
an der schönheit
der ahnen
spür die weichheit
und wärme
eines anderen seins

ein sanfter sog
lässt mich los
als eine stimme
mich ruft aus dem
jetzt
bin ich zurück
 ///  röstfein tiefschwarz
reibt er
seine stärke
an zartem
bisquitporzellan
züngelnde flammen
verbrennen
den geist

ein anblick
der mich erfreut
ein genuss
der mir
kraft gibt

für den abend
mit dir
 ///  sei gegrüsst
holder jüngling
deine schönheit
freut mich
schaust herab
trägst die tage
des oktobers
in mein haus
bis er altert

dann reisse
ich dich ab
fuer den
schönsten
des jungen
novembers
 ///  von den steinen

ein stein fällt vom herzen
denn
steine sind nicht nur
hart und unerbittlich
tödlich und schwer
glühend oder kalt

steine können auch
häuser entstehen lassen
glück bringen
wunderschön sein
erweichen

steine sind die gebeine der erde

ich fange auf
halte fest

schmale hände
legen sich schützend um das rund
durchsichtig zerbrechlich schwebend

die dunkelheit kommt
kalter regen
umspült
was ich aufgefangen
festgehalten

die seifenblase
zerspringt
 ///  ein fecher
über uns
bringt den schatten
einer wolke
leicht bewegt
wie ein store im wind
schiebt kühle luft durch
heisse träume
wir gehen nicht

doch verbrennen
unsere füsse
im sand
 ///  aus dem schutze
des schosses
tauche ich ein

in einen ozean
voller tränen
durchlaufe einen wald
voller dunkler schatten
und schriller stimmen
stehe am rand eines feldes
saat und erntelos
finde mich wieder
unter einem baum
ohne blätter
und früchte

ich suche die schlange
den apfel
adam ist nur ein gedanke
ich bin allein

das ist nicht die welt
von der geschrieben steht

wer bist du
der mich nicht verstehen lässt
 ///  ich liebe

diesen augenblick

leise stimmen sprechen worte
in finstere säale
verhallen
ohne resonanz

ein mann
der mich trifft
am herzen vorbei
mit pfeilen
aus amors abfalleimer
geschnitzt
in zeiten da gott noch
kind eines universums

zu früh
doch
zu spät für mich
 ///  als der hahn
dreimal
krähte
hat man dich
verraten

heute hört man
ihn
ständig

Kurzprosa

Kein Licht ist so hell, dass ich es wirklich erkenne.

Trüb, matt, grau, bewegungslos starrt es mich jeden Tag an. Nachts verschwindet es. Dann sehe ich mich zwischen Anfang und Beginn. Ich suche nach Händen, die Gesichter malen. Meine Mutter hat solche Hände. Doch sie mahlen nur noch Kaffeebohnen und Pfefferkörner. Die Farben sind vertrocknet, die Pinsel hart. Ich greife ins Schwarz des Himmels, ins Gold der Sterne. Verzweifelt versuche ich es mit in den Tag zu nehmen. Der morgen ist trüb, matt, grau, bewegungslos. Schwarz ist nur der gemahlene Pfeffer im Kaffee und golden der stumme Blick im Spiegel seiner Oberfläche. Kein Mensch mag das.
Doch meine Mutter mahlt Pfefferkörner und Kaffeebohnen für ein Leben.


Sommer die Fäden spinnen sind alt.

Mein Sommer war es. Ich bin gerade im 11. Semester meines Lebens. Du fragst, wie alt man da ist? Der eine ist dreissig, der andere fünfzig. Ich sage, ich bin 44. Ein Semester verbindet vier mal vier Jahreszeiten. Der Sommer ist wohl immer länger, als der Winter. Daher weiss ich nicht genau, wie alt man da wirklich ist. Ich weiss nur, dieses Studium geht nie vorbei. Die Prüfungen sind unehrlich und nicht lösbar, benotet durch den schlimmsten aller Lehrmeister. Ich bin gerade mal wieder durchgefallen. Partnerschaft, hiess das Fach. Ich glaubte, es nach dem vierten Anlauf nun endlich belegen zu können. Aber wieder war die Grundlage, die ich dafür geschaffen hatte zu schwach.
Der Federweisse ist längst ausgetrunken. Die Esskastanien verbrannt und weggeworfen. Ein Mann sieht mich aus halbgeschlossenen Augen an. Sein Blick streichelt über mein Gesicht hin zu meinem Arm und will hinab steigen zu meinem Herzen. Ich schliesse meine Jacke und lege die Hände auf meine Knie, als müsste ich sie festhalten oder wärmen. Ohne Worte zieht der Mann ein silbernes Feuerzeug aus seiner Jackentasche und entfacht es. Er hält es für Sekunden neben meine Zigarettenschachtel. Gerade erst geraucht, greife ich zur nächsten Zigarette. Rote Glut wird sichtbar. Die Verbindung ist da. Worte, die ich nicht recht verstehen kann zerstören die Ruhe. Irgendwie klingen sie gut, diese Worte. Freundlich und fast liebevoll sagt er "Prego Signora". Der Rest der Worte verschwindet im Rauch. Er weiss sicher, dass der Sommer schon alt ist. In Italien sind die Sommer länger, sind die Sommer auch wärmer und weniger mit trübem Grau durchzogen.
Ich male eine Sanduhr auf die verstaubte Tischplatte. Er lächelt nur und dreht sie um. Der Sand rieselt langsam und leise. Ich kann nichts dagegen tun. Nun weiss ich es. Sommer die Fäden spinnen sind schön.
Qual der Wollwahl

"Zwei links, zwei rechts" sagt die Großmutter. Nur nichts fallen lassen. Runde für Runde. "Wo ist denn nur das Grün?" Unters Sofa gerollt. Und das Kreuz schmerzt. Bücken geht nicht. "Ich nehme Braun". "Braun verfärbt" sagt der Sohn. "Dann nehme ich Rot". "Rot filzt" sagt die Tochter. Zwei links, zwei rechts. "Ich hätte da auch noch Schwarz." "Schwarz trägt man nicht in dieser Saison" sagt der Großvater. Patentmuster. Wie ging nur Patentmuster? Zwei links, zwei rechts. "Glattgestrickt ist out" sagt der Enkel.
Und die Katze rollt sich und spielt mit der Wolle, bis alles verfitzt ist.
Nun sagt die Großmutter, "Stricken ist out. Ich ziehe meinen alten Pullover an, bis er zerreißt".
Wortlos blicke ich auf das Meer.

Tausend Schiffe streiten sich um die Einfahrt in den Hafen. Es ist Zukunft. Du bist nicht mehr da. Alles ist tot.
Nur ich stehe noch in mitten einer Welt. Ich weiß nicht einmal, ob sie sich dreht. Alles ist anders. Häuser verschwinden im Wasser. Straßenzüge, Fahrzeuge, Menschen, Tiere, es gibt sie nur noch in Büchern. Ja, Bücher gibt es. Sie sind gestapelt, turmhoch, auf der längsten Treppe, die ich je sah. Sie steigt aus dem Meer. So hoch, dass ich nicht weiß, wo sie endet. Ich habe Angst. Angst, die Bücher könnten herabstürzen und auch mich töten. Die Schiffe dröhnen um die Wette. Neptun hat gesiegt.
Weglaufen kann ich nun nicht mehr. Ich steige die Treppe ein Stück nach oben und mir wird bewusst, mein Leben war nur ein Traum. Wolken über mir. Ja, es gibt ihn noch, den Himmel. Es gibt nur noch Luft und Wasser und Schiffe. Tausend Schiffe.
Die Zeit ist vorbei. Die Angst verschwindet. Ich werde ewig sein, ohne zu fühlen.

Das fahle Licht einer Strassenlaterne fällt müde auf ihre Schuhe.

Sie sind rot geworden, in dieser Zeit. Es ist nicht ihre Zeit. Es ist die Zeit der einsamen Herzen, die Zuflucht suchen bei ihr. Das Glück ist rar geworden. Nur noch der Hunger nach Liebe ist übrig geblieben. Ein wenig Wärme spendet die Sonne am Tag. Aber auch sie verschwindet öfter, als sonst hinter einer dicken, grauen Wolkendecke. So steht sie Nacht, für Nacht und wartet. Sie wartet auf ihn. Männer in Uniform holten ihn eines Tages aus ihren Armen. Er wollte doch nur leben mit ihr. Nur einen kleinen Anteil vom Glück. Sie hatten es so oft versucht. Versucht, mit ehrlicher Arbeit. Keiner hört zu. Sie sagt also nichts mehr. Schliesst einfach die Augen. Nacht für Nacht. Manchmal ähneln sie ihm fast ein wenig. Dann träumt sie dabei. Doch der Geruch des fremden Aftershafes bringt sie immer in die Realität zurück. Dann sieht sie nur noch die Scheine auf dem Bett, die sie hastig an sich nimmt. Es sind schon viele. Ihre Arbeit ist gut. Das Licht der Strassenlaterne erlischt, wie schon so oft. Dann stellt sie die Schuhe unter ihr Bett. Es ist nichts mehr von Ihnen zu sehen. Und sie geht in den Tag. Sie räumt im Supermarkt Regale ein.