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Kaffeebohnen für ein Leben

Kein Licht scheint so hell, dass es mich wärmt. Trüb, matt, grau, bewegungslos starrt es mich an. Nachts verschwindet es. Dann sehe ich mich zwischen Ende und Beginn. Ich suche nach Händen, die Gesichter malen. Meine Mutter hatte solche Hände. Doch sie mahlen nur noch Kaffeebohnen und Pfefferkörner. Die Farben sind vertrocknet, die Pinsel hart. Ich greife ins Schwarz des Himmels, ins Gold der Sterne. Verzweifelt versuche ich es mit in den Tag zu nehmen. Der Morgen ist trüb, matt, grau, bewegungslos. Schwarz ist nur der gemahlene Pfeffer im Kaffee und golden der stumme Blick im Spiegel seiner Oberfläche. Kein Mensch mag das. Doch meine Mutter mahlt Pfefferkörner und Kaffeebohnen für ein Leben.


Sommer die Fäden spinnen


Es war … an einem warmen Sommertag, der zu Ende ging. Ich weiß nicht mehr genau, ob im August, oder doch schon im September. Der Sommer hatte längst seine Geschichte, eine Gute, die noch voller Ideen war, die noch Sehnsüchte kannte und auf deren Erfüllung hoffte. Es war jene Zeit im Jahr, in welcher der Sommer Fäden spinnt. Nach altem Glauben zeigt sich darin das Wirken der Schicksalsgöttinnen, die unsere Lebensfäden in ihren Händen halten. Man mag es glauben oder auch nicht, ich jedenfalls fand diese Überlieferung gerade sehr romantisch und betrachtete die gesponnenen Gebilde im Geäst der umgrenzenden Hecke neben meinem Tisch, in der kleinen Taverne, wo ich meinen Wein trank. Ich sann über mein Leben nach und verglich es mit dem vorüberziehenden Sommer. Er war warm, schon ziemlich gefüllt und doch noch voller Träume. Ein wenig Wehmut schwang jedoch ganz leise mit, denn das Studium, das man Leben nennt, war für mich schon ziemlich fortgeschritten. Immerhin war ich schon im 12. Semester. Wie alt mag man da sein? Nun, der Eine ist vierzig, ein Anderer fünfzig, oder gar sechzig. Ein Semester verbindet wohl viermal vier Jahreszeiten. Der Sommer ist oft länger als der Winter. Daher weiß man nicht genau, wie alt man da wirklich ist. Ich weiß nur, dieses Studium geht nie vorbei. Die Prüfungen sind unehrlich und unlösbar, benotet durch den schlimmsten aller Lehrmeister. Im vergangenen Jahr war ich mal wieder durchgefallen, Partnerschaft hieß das Fach. Ich glaubte, es nach dem vierten Anlauf nun endlich belegen zu können. Aber wieder war die Grundlage, die ich dafür geschaffen hatte, zu schwach. Doch das warf mich nicht aus der Bahn, im Gegenteil, dieser Sommer war besonders prickelnd. Meine Neugier und mein Sehnen waren größer als je zuvor.
Der Federweiße war längst ausgetrunken. Von den Esskastanien waren nur noch die Schalen übrig. Eigentlich war es an der Zeit zu gehen. Da fiel mein Blick auf einen Mann, der am Nebentisch saß. Ich weiß nicht, wie lange er mich schon beobachtete. Er sah mich aus warmen, dunklen Augen an und sein Blick, genau so sehnsuchtsvoll wie meine Gedanken, schwebte über mein Gesicht hin zu meinen Armen und wollte hinab steigen zu meinem Herzen. Ich schloss meine Jacke und legte die Hände auf meine Knie, als müsste ich sie festhalten oder wärmen. Ohne Worte zog der Mann ein silbernes Feuerzeug aus seiner Jackentasche, setzte sich zu mir und entfachte das Feuer. Er hielt es für Sekunden neben meine Zigarettenschachtel. Gerade erst geraucht, griff ich zur nächsten Zigarette. Rote Glut wurde sichtbar. Die Verbindung war da. Leise Worte, die ich nicht recht verstehen konnte durchbrachen die Ruhe. Irgendwie klangen sie gut, freundlich und fast liebevoll. Er wusste genau wie ich, dass der Sommer reif war. Doch in Italien sind die Sommer viel länger, viel wärmer und weniger mit trübem Grau durchzogen.
Ich malte eine Sanduhr auf die verstaubte Tischplatte. Der Mann lächelte nur und dreht sie um. Der Sand rieselte langsam und leise. Ich konnte nichts dagegen tun. Doch ich wusste genau, Sommer die Fäden spinnen sind schön.


Qual der Wollwahl

"Zwei links, zwei rechts" sagt die Großmutter. Nur nichts fallen lassen. Runde für Runde.

"Wo ist denn nur das Grün?" Unters Sofa gerollt. Und das Kreuz schmerzt. Bücken geht nicht. "Ich nehme Braun". "Braun verfärbt" meint der Sohn. "Dann nehme ich Rot". "Rot filzt" sagt die Tochter. Zwei links, zwei rechts. "Ich hätte da auch noch Schwarz." "Schwarz trägt man nicht in dieser Saison" sagt der Großvater. "Gelbe Wolle, vielleicht kaufe ich mir gelbe Wolle", meint die Großmutter nun. "Gelbe Wolle ist im Kurzwarenladen gar nicht zu finden.", sagt Nachbarin Ruth. "Patentmuster, wie ging nur Patentmuster?" Zwei links, zwei rechts. "Glattgestrickt ist out" sagt der Enkel.

Und die Katze rollt sich und spielt mit der Wolle, bis alles vollkommen verfitzt ist.

Nun sagt die Großmutter, "Stricken ist out. Ich ziehe meinen alten Pullover an, bis er zerreißt".



Ewig

Wortlos blicke ich auf das Meer. Tausend Schiffe streiten sich um die Einfahrt in den Hafen. Es ist Zukunft. Du bist nicht mehr da.

Nur ich stehe noch in mitten einer Welt. Ich weiß nicht einmal, ob sie sich dreht. Alles ist anders. Häuser verschwinden im Wasser. Straßenzüge, Fahrzeuge, Menschen, Tiere, es gibt sie nur noch in Büchern. Ja, Bücher gibt es. Sie sind gestapelt, turmhoch, auf der längsten Treppe, die ich je sah. Sie steigt aus dem Meer. So hoch, dass ich nicht weiß, wo sie endet. Ich habe Angst. Angst, die Bücher könnten herabstürzen und mich töten. Die Schiffe dröhnen um die Wette. Neptun hat gesiegt.
Weglaufen kann ich nicht mehr. Ich steige die Treppe ein Stück nach oben und mir wird bewusst, mein Leben war ein Traum. Wolken über mir. Ja, es gibt ihn noch, den Himmel. Es gibt nur noch Luft und Wasser und Schiffe. Tausend Schiffe.


Die Zeit ist vorbei. Die Angst verschwindet. Ich werde ewig sein.

Rote Schuh

Das trübe Licht der Laterne fällt müde auf ihre Schuh. Sie sind rot und verbraucht. Es ist an der Zeit. Einsame Herzen suchen Zuflucht bei ihr. Das Glück ist rar geworden, nur Hunger nach Liebe ist da. Ein wenig Wärme spendet die Sonne am Tag. Aber auch sie verschwindet öfter als sonst hinter einer dicken, grauen Wolkendecke. So steht sie jede Nacht und wartet. Männer in Uniform holten ihn eines Tages aus ihren Armen. Sie wollten nur leben, nur einen kleinen Anteil vom Glück. So oft hatten sie es versucht, doch keiner hörte zu. Dann sagten sie nichts mehr. Nun schließt sie die Augen, jede Nacht. Manchmal ähneln sie ihm ein wenig. Dann träumt sie, doch der Geruch des fremden Aftershaves bringt sie immer zurück. Sie sieht nur noch die Scheine auf ihrem Bett. Es sind schon viele. Ihre Arbeit ist gut. Das Licht der Straßenlaterne erlischt, wie so oft. Dann stellt sie die Schuhe unter das Bett, es ist nichts mehr zu sehen und sie geht in den Tag.


Es war einmal...

...vor langer Zeit, auf dem Marktplatz einer uralten Stadt, da stand ein alter Mann. Er hatte einen langen, weissen Bart, trug einen Zylinder auf dem Kopf und hatte einen mächtigen, braunen Mantel an. Er stand da und spielte auf seiner Drehorgel schöne, aber ein wenig traurige Melodien. Viele Menschen blieben stehen und hörten ihm zu. Seine Augen waren jung und blitzten bei jeder Melodie auf. Auch ich blieb stehen und versank in den wunderschönen Weisen. Nach einer Weile bemerkte ich ein kleines Mädchen neben mir. Es hatte blonde Zöpfe und trug ein hellgraues Kleidchen, was schon ein wenig zerschlissen war. Die nackten Füsse rieb es aneinander. Es musste ihm kalt gewesen sein. Ich fragte es nach seinem Namen. Es zögerte ein wenig und sagte mir dann, dass es Maria heisse und acht Jahre alt sei. Es wohnte mit seiner Mutter, den 6 Geschwistern, einer Katze und einem Vögelchen am Rande der alten Stadt. Traurig blickte es zu dem Drehorgelmann und danach zu mir. Ich fragte es, ob es Kummer habe. Eine Träne schimmerte in seinem rechten Auge, als es mir erzählte, dass die Katze, die es sehr lieb hatte, ziemlich krank sei. Der Tierarzt sagte, sie brauche dringend Medizin. Aber dafür hatte die Mutter kein Geld. Nun sollte die Katze eingeschläfert werden. Aber in Marias grossem Märchenbuch stand eine Geschichte. Sie beschrieb genau diesen alten Mann, der da Orgel spielte. Alle Menschen, die in Not waren, oder anderen Kummer hatten, kamen zu ihm und gaben beschriebene Zettel ab. Darauf stand, an welcher Not sie litten. Der Drehorgelmann nahm dann jeden einzelnen Zettel, las ihn und steckte ihn in den oberen Spalt seiner Orgel. Darauf hin spielte die Orgel eine Melodie und am anderen Ende kam der Zettel neu beschrieben heraus. Die Menschen lasen die Schrift, die ihnen sagte, was zu tun sei und konnten so ihren Kummer lindern, oder ganz beheben. Das Mädchen hoffte nun, dass der Mann an der Orgel das auch in diesem Fall vermochte. Es traute sich nur nicht recht ihn zu fragen. Da nahm ich es bei der Hand und ging mit ihm zu dem alten Herrn. Ich erzählte ihm von der Geschichte. Er schwieg. Dann schaute er wartend auf das Mädchen, welches Maria hiess. Aus der Tasche des Kleidchen zog es nun einen knittrigen, beschriebenen Zettel heraus. Wortlos wanderte der Zettel nun zu dem alten Mann. Er las ihn. Seine Augen blickten nachdenklich. Dann nahm er das Papier und lies es in dem oberen Spalt seiner Orgel verschwinden. Alle Menschen schwiegen, als auf einmal eine wunderschöne Weise erklang. Ich weiss nicht mehr, wie lange wir so standen. Die Musik war verstummt und noch immer stockte allen der Atem. Auf einmal nahm der Drehorgelmann seinen Hut ab und legte ihn mit der Öffnung nach oben vor seine Orgel. Die meisten Menschen griffen nun in ihre Taschen und holten Münzen hervor, welche sie in den Hut legten. Eine ganze Menge war wohl zusammen gekommen. Der alte Mann schüttete die Münzen in das geraffte Kleidchen des Mädchens und nickte freundlich. Wieder blitzte es in seinen Augen. Maria weinte vor Freude und nahm den Zettel an sich, den die Drehorgel zurück gab. Darauf stand die Adresse des besten Tierarztes der Stadt. Glücklich hüpfte Maria davon.
Ein Jahr danach traf ich sie wieder. Die Zöpfe waren noch länger geworden und sie war ein ganzes Stück gewachsen. Auf dem Arm trug sie zwei winzige Kätzchen und neben ihr lief die Katzenmama. Alle waren gesund und munter.


Der letzte Lichterbogen

Dezember 2008

Weihnachten stand mal wieder vor der Tür, klopfte an und ich ließ es herein. Es versprach, wie jedes Jahr, besinnlich zu werden. Gelogen! Im Eilzugtempo rannte es an mir vorbei und setzte mir prompt seine Highlights, den Weihnachtsabend, mit seinen beiden Feiertagen in Folge vor die Nase. Das hieß für mich: Familienidylle bei Kerzenschein, fettigem Essen, süßem Wein und gut ausgesuchten Geschenken. Gern hätte ich mich einmal wieder mit alten Freunden getroffen, oder wäre einfach nur durch den Schnee geschlendert, um die unzähligen Fenster mit ihren weihnachtlichen Dekorationen zu betrachten. Nun war alles vorbei. Das Jahr ging mit Knall und Schall zu Ende.

Januar 2009

Müde wachte ich am Neujahrsmittag so gegen eins auf. Jemand hatte mehrmals an der Tür geklingelt. Doch ehe ich mich aus dem Bett geschält hatte, in meine Puschen geschlüpft war und den Hörer der Wechselsprechanlage an mein Ohr hielt, war der Besucher schon wieder gegangen. Wieder ins Bett zurück wollte ich nun nicht mehr. Langsam meldete sich auch mein Magen. Der Silvesterabend war wie immer. Nichts Besonderes war geschehen. Man aß, trank und tanzte ein wenig. 24 Uhr wurde geknallt, mit Sekt angestoßen und mit schweren Zungen ein gutes neues Jahr gewünscht. So war das ja immer. Man klönte noch bis in die frühen Morgenstunden und fiel dann schließlich todmüde ins Bett. So begann das neue Jahr. Ehe ich mich versehen hatte, war ich wieder dem Alltag in seine nüchternen Hände geraten und dieser ließ mich natürlich auch nicht mehr los.

Februar 2009

In der letzten Februarwoche hatte ich fünf freie Tage. Es war eine stille, friedliche Zeit. Ich wünschte mir diese Ruhe einmal in der Vorweihnachtszeit. Nun egal, ich genoss diese ruhige Woche und tat, was ich schon immer tun wollte. Ich ging tagsüber meinen Interessen nach [das erzähl ich euch in einer anderen Geschichte ;-)], traf mich abends ein paar Mal mit Bekannten und Freunden und schlenderte dann zufrieden durch die verschneiten Strassen meiner kleinen Stadt. Allerdings waren die Lichterbögen, die beleuchteten Weihnachtsfiguren und die drehenden Pyramiden in den Fenstern längst verschwunden. Zugezogene Gardinen und Jalousien hatten sie von ihren Plätzen verdrängt. Nur Straßenlaternen und ein paar wenige Leuchtreklamen erhellten die Nacht. Lust nach Hause zu gehen verspürte ich noch nicht. Ich ging die längste Strasse des Ortes bis zu ihrem Ende entlang. Es schneite sachte und ich spürte ein wohliges Gefühl in mir. Kurz vor Straßenende, eigentlich schon nach dem Ortsschild, führte ein schmaler Weg einen kleinen Berg hinab. Ich sah von Weitem ein einsames Häuschen und siehe da, in einem Fenster strahlte ein Lichterbogen. In den letzten Februartagen leuchtete er einfach so vor sich hin. Die Neugier trieb mich weiter. Nun stand ich direkt vor der Tür des alten Häuschens. Ein Klingelschild war zwar zu erkennen, aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte den Namen nicht lesen. Ich kramte in meinen Taschen. Ein Kugelschreiber, ein Päckchen Kleenex, ein Beutelchen ,,Fishermanns Friends'' und siehe da, auch ein Feuerzeug kam zum Vorschein. Das trug ich meistens bei mir, seitdem ich mir ab und zu ein Zigarillo genehmigte. Ich setzte dreimal an, das Feuer zu entfachen. Der Wind war immer stärker als die Flamme. Endlich konnte meine linke Hand das Flämmchen schützen. Es wurde größer und kräftiger und ich steuerte auf den Klingelknopf zu, neben dem der Name stand. Ich entzifferte den schon leicht verwischten Buchstaben. ,,Wagenthaler'' war da zu lesen. Der Vorname war nicht mehr zu erkennen. Mich interessierte schon, wer da Ende Februar noch einen Lichterbogen leuchten ließ. Bei dem Gedanken, ob ich es wohl je erfahren würde, vernahm ich ein leises Knarren, als ob jemand eine schlecht geölte Tür öffnen wollte. Mir wurde ein wenig sonderbar. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Es war Totenstille. Nur dieses leise Knarren und der Schein des Lichterbogens waren real. Schon im Gehen begriffen, vernahm ich ein ,,Ist da wer''? Für einen Augenblick fühlte ich mich wie Hänsel das von Gretel verlassen wurde. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Dann noch einmal die Frage: ,,Ist da wer''? Es klang, als hätte ich einen Kloß verschluckt, als ich antwortete: ,,Entschuldigung, ich habe mich verlaufen''. ,,Gehen sie bitte nicht weg'', antwortete mein Gegenüber, das ich noch immer nicht richtig erkennen konnte. Es klang fast wie ein Flehen. Dann öffnete sich die Tür etwas mehr. Im Flur ging eine Lampe an und ich erkannte in ihrem Schein eine kleine, alte Frau. 80 Jahre mag sie gewesen sein, oder auch noch älter. Ich hab es nie erfahren und es hatte auch keine Bedeutung. Furcht verspürte ich nun nicht mehr, denn ich sah in ein zerfurchtes, aber sehr freundliches Gesicht. ,,Kommen sie bitte herein. Wärmen sie sich ein wenig auf. Es kommt so selten jemand an diesem Haus vorbei. Ich würde mich sehr freuen.'' Irgendetwas zog mich hinein. War es die Neugier, das Schicksal? Ich weiß es nicht. So betrat ich den Flur, der in seinem trüben Licht fast ein wenig mystisch anmutete. Die alte Frau öffnete auf der linken Seite eine Tür. Das war wohl die gute Stube, wie man früher so schön sagte. Ich zog artig meine Schuhe aus und ging in Socken auf dem kalten Boden weiter. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch, unter dem ein Teppich mit orientalischem Muster lag. Nun war es nicht mehr kalt an den Füssen. Auch sonst war das Zimmer sehr warm und anheimelnd. An der Wand hingen Bilder. Es waren wohl uralte Gemälde, sicher mit hohem Wert. Eine verzierte Vitrine, in welcher wunderschönes Bleikristall stand, befand sich neben einem Sofa im Biedermeierstil. Wir nahmen beide am Tisch Platz. Die alte Frau fragte nach meinem Weg, nach meinem Befinden, nach meinem Namen. Wie ein Schuljunge antwortete ich artig und das erste Mal kam mir der Gedanke, dass vielleicht auch sie sich fürchten könnte. Um ihr diese Angst zu nehmen, begann ich nun zu erzählen. Ich berichtete alles haargenau und meine Ehrlichkeit war ebenso zu spüren wie die Ihre. Irgendetwas verband mich, einen lässig wirkenden Mittdreißiger, mit dieser uralten Frau. Es mochten drei Stunden vergangen sein, als ich die Frage nach dem Lichterbogen zum wiederholten Male stellte und nun endlich beantwortet bekam. Seit sechs Jahren steht dieser Lichterbogen Winter wie Sommer in diesem Fenster und leuchtet bei Nacht. Seit sechs Jahren ist es keinem Menschen aufgefallen. Seit sechs Jahren, seitdem das Liebste was sie hatte für immer von ihr gegangen war, ihr Mann. Seit dieser Zeit hat sie sich geschworen, diesen Bogen leuchten zu lassen, bis jemand den Weg findet, den Weg zu einer einsamen, alten Frau. Dieser Jemand war nun ich. Ich war gerührt und entsetzt zugleich und beschloss, diese Geschichte weiter zu erzählen. Den jungen Menschen, damit sie die Alten nicht übersehen und vergessen. Den alten Menschen, damit sie Mut bekommen und die Jungen herbeirufen und sei es mit einem Lichterbogen mitten im Jahr. Ich gehe seitdem gern und oft zu dieser alten Frau. Ich habe viel über sie erfahren und über ihre Zeit, die auch die unserer Grosseltern war. Gern berichte ich ihr über mich und über Dinge, die sie sonst nicht kennen lernen und verstehen würde. Der Lichterbogen im Fenster ist nun verschwunden. Anstelle dessen steht da eine Palme, die ich ihr geschenkt habe und die sich sehr wohl bei ihr fühlt.

Auf Wiedersehen, ihr alten und jungen Menschen. Vermischt euch und macht das Leben damit abwechslungsreich und schön. Vielleicht ergeben sich daraus neue, interessante Geschichten, die Ihr dann erzählen könnt, denn auch ich höre gern zu.